II.BERLINER MUSIK-FILM-MARATHON 10.-24. April 2012
 

   

 

Dieter Schnebel    Komponist, Musiktheoretiker, Musikautor, Theologe

 

Geb. 14. März 1930 in Lahr/Baden. 1949 begann er ein Studium an der Freiburger Musikhochschule; zusätzlich besuchte er Vorlesungen Martin Heideggers an der Freiburger Universität und knüpfte engen Kontakt zu den Protagonisten der Kranichsteiner (heute Darmstädter) Ferienkurse für Neue Musik (Adorno, Varèse, Messiaen, Nono, Stockhausen, später Cage). Von 1952-56 studierte Schnebel evangelische Theologie (bei Karl Barth und Rudolf Bultmann), Philosophie und Musikwissenschaft (bei Walter Gerstenberg, Promotion

über die Dynamik bei Schönberg) in Tübingen. Von 1956-76 Pfarrer und Religionslehrer in Kaiserslautern, Frankfurt/M. und München. 1958 begann er – beeinflußt von Cage – mit der Entwicklung konzeptioneller Musikprojekte. In dieser Zeit kam es zu ersten Aufführungen seiner Stücke, die mehrere Konzertskandale verursachten.

 

Seit 1970 in zweiter Ehe mit Iris Kaschnitz verheiratet, Tochter der Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz (eigentlich Marie Luise Freifrau von Kaschnitz-Weinberg, geborene von Holzing-Berstett) und des Archäologen Guido Kaschnitz von Weinberg.

Von 1976-1995 Ordentlicher Professor für Experimentelle Musik und Musikwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin. Die Arbeit als Theologe setzte Schnebel durch Predigttätigkeit an der Johann-Sebastian-Bach-Kirche und an der St.-Annen-Kirche in Berlin fort.

 

Kompositorische Tätigkeit seit 1953: umfassendes Oeuvre in allen Gattungen. Anfänglich komponierte Schnebel strikt seriell: Stücke für Streichinstrumente (1954/55), dt 31,6 (1956-58), Compositio (1955/56). Die Ablehnung jeglichen Dogmatismus führte ihn zu experimentellen Konzept- und Prozesskompositionen, aus dieser Phase stammen Glossolalie 61 (1959/60), Das Urteil (nach Kafka, 1959) und ki-no (1963/67), in denen er die Verwendung der Stimme um völlig neue Dimensionen vom Flüstern und Röcheln bis hin zum Schreien erweiterte. Außerdem entstanden kirchenmusikalische Werke (Für Stimmen (…missa est) (1956-69), Dahlemer Messe (1984/87), Magnificat (1996/97), missa brevis (2000-02)) sowie Bearbeitungen von Bach-Chorälen und Orgelwerke, darunter auch Stücke für den Kirchenpavillon der EXPO 2000 und die documenta 2001.

 

Durch die Gründung der Theatergruppe "Die Maulwerker" an der Hochschule der Künste systematisierte Schnebel sein nur teilweise auf den "Fluxus" (réactions 1960/61, visible music 1960/62, anschläge-ausschläge 1965/66) zurückzuführendes, offenes Werkkonzept, in dem Musiker zum unkonventionellem Einsatz ihrer Instrumente und Stimmen und zu Aktionen im Raum aufgefordert werden (Harley-Davidson für 9 Motorräder

und Trompete 2000, Flipper für Spielautomaten, Darsteller, Instrumente und Tonband 2002/03).

In jeweils mehrjährigen Kompositionsprozessen entstanden die Zyklen Maulwerke, Körper-Sprache, Schulmusik, Laut-Gesten-Laute, Museumsstücke, Schau-Stücke und Bachmann-Gedichte. In den Zyklen Re-Visionen (1972-92) und Tradition (1975-95), ferner in den auf die griechische Mythologie verweisenden Kammermusikwerken der Reihe Psycho-Logia (u.a. Pan 1978/88 und Medusa 1989/93) entfaltete Schnebel neuartige Konzeptionen der Beziehung traditioneller und neuer, respektive experimenteller Musik. Zu Schnebels Schlüsselwerken zählen die Oper Majakowskis Tod - Totentanz (1989/97), das großangelegte Vokalwerk Ekstasis (1996/97/2001) und die monumentale Sinfonie X (1987/92/2004).

 

Er ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin seit 1991, Gründungsmitglied der Freien Akademie der Künste Leipzig (1992) und Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (seit 1996).

 

Mittwoch 18. April 2012                                                                                          20.30 Uhr

  

KI-NO (BRD 1963-67)

Nachtmusik für Projektoren und Hörer 

2 – 4 Dia-Projektoren, 1 Tonbandgerät (ad lib.), 1 Sprecher (ad lib.),

1 Schlagzeuger (ad lib.)

Dauer: 15 – 60 Minuten

Uraufführung: 10.07.1967 München (Feussner)

 

digitale Fassung produziert durch das ZKM - Zentrum für Kunst und Medientechnologie

 

ki – no ist eine überwiegend optische Musik: in bestimmten Rhythmen werden Dias und Filme auf mehrere Leinwände projiziert. Das Aufführungsmaterial für die Projektoren-Musiken sind Diapositivreihen oder Filme, jeweils in selbständigen Verläufen zusammengefaßt: Rezeptionen I/II, Imaginationen I – VI, Auswüchse I – VIII, Fenster I – XXI, Umrisse I/II, ferner Assoziationen für 1 Sprecher, Spuren I – IV für Tonband und Verfremdungen I – XV für Schlagzeug. Die Bilder zeigen einerseits verbale Zusammenhänge, die zum musikalischen Wahrnehmen der uns umgebenden akustischen Ereignisse anleiten oder auch die Vorstellung entfernter akustischer Prozesse bzw. klanglicher Assoziationen auslösen wollen. Andererseits enthalten sie Noten zur Imagination von Musik oder zur imaginativen Hervorbringung "unmöglicher" Klänge (Töne jenseits der Hörschwelle, klingende Pausen usw.). Was derart teils langsam wechselt, teils punktuell erscheint oder rasch aufblitzt, bildet als Lichtspiel Soli, Polyphonien, Kontrapunkte, auch akkordischen Gleichlauf, wogegen die akustischen Kommentare von Sprecher, Schlagzeug und Tonband nur selten die Stille des Geschehens durchdringen. Denn dieses Nô-Spiel inszeniert eine Musik, die sich im Kopf des Hörers einstellt, von ihm selbst "interpretiert" wird.

Da nicht alle Verläufe von ki – no bei einer Aufführung gespielt zu werden brauchen, zudem die Zeitdauer relativ frei ist, ergeben sich viele Versionen. Ki – no läßt sich wie ein Konzertstück aufführen, kann aber auch als Installation präsentiert werden, wo die einzelnen Dia-Reihen permanent laufen.

 

Dieter Schnebel

 

 

Preise und Auszeichnungen


2011
Ehrendoktor der Theologie der Universität Marburg
2004 Ehrendoktor der Universität Bayreuth
1999 Preis der Europäischen Kirchenmusik
1991 Lahrer Kulturpreis
1972
Deutscher Kritikerpreis

 

Er verfasste zahlreiche musikwissenschaftliche Essays und Bücher, u.a. zu Werken von Bach, Beethoven, Schubert, Schumann, Wagner, Verdi, Mahler, Webern, Debussy, Cage und Kagel.

 

Literatur

 

Theo Rommerskirchen: Dieter Schnebel, in: viva signatur si!, Remagen-Rolandseck 2005

Asja Jarzina: Gestische Musik und musikalische Gesten. Dieter Schnebels ´visible music´, Weidler Buchverlag, Berlin 2005

Simone Heilgendorff: Experimentelle Inszenierung von Sprache und Musik. Vergleichende Analysen zu Dieter Schnebel und John Cage, Rombach Verlag, Freiburg i. Br. 2002

Gisela Nauck: Schnebel-Lesegänge durch Leben und Werk, Schott Musik International 2001

Dieter Schnebel: Anschläge, Ausschläge. Texte zur neuen Musik, Hanser Verlag, München 1993 (mit Bibliographie)

Michael Hirsch: Musik-Theater an den Wurzeln des Lebens. Dieter Schnebels theatrale Kompositionen, in: Positionen 14, 1993

Carla Henius: Schnebel, Nono, Schönberg, oder die wirkliche und die erdachte Musik. Essays und Autobiographisches, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 1993

Werner Grünzweig, Gesine Schröde, Martin Supper, (Hg.): Schnebel 60. Zum 60. Geburtstag des Komponisten Dieter Schnebel, Wolke Verlag, Hofheim 1990

Dieter Schnebel: Musik-Konzepte, Heft 16, München 1980 (mit Bibliographie)

Dieter Schnebel: Denkbare Musik. Schriften 1952-72, hrsg. v. Hans Rudolf Zeller, DuMont Verlag, Köln 1972

Dieter Schnebel: Maulwerke für Artikulationsorgane und Reproduktionsgeräte 1968-74, Schott Verlag, Mainz 1971

Dieter Schnebel: Mo-No. Musik zum Lesen, DuMont Schauberg, Köln 1969


www.schott-musik.de

www.spiegel.de/spiegel/print/d-45935165.html